Ist übernatürliche Kausalität vereinbar mit Wissenschaft?

Wenn Verfechter der naturalistischen Evolution ihr Argument vortragen, beginnen Sie oft mit der Behauptung, dass ihre Theorie “wissenschaftlich” ist. Andere Ansichten, besonders diejenigen, die sich auf übernatürliche Kausalität berufen, werden als “Pseudowissenschaft” abwertend abgelehnt. Pseudo weil sie falscherweise behaupten, allein wissenschaftliche Legitimität zu haben. Angesichts des angesehenen Status der Wissenschaft in der Gesellschaft wird diese Aussage zum kräftigen rhetorischen Mittel, womit man christliche Behauptungen, dass Leben auf der Erde durch das übernatürliche Eingreifen von Gott entstanden ist, maginalisieren kann.

Diese Ansicht spielte eine kritische Rolle in dem Gerichtsverfahren Kitzmiller v. Dover Area School District in 2005 .1 Viele Eltern haben sich den Bestrebungen, die Lehre von “Intelligent Design” (ID) in der Schule einzuführen, entgegengesetzt, in dem sie behauptet haben, dieses nur eine List sei, wodurch religiöse Lehren ins Klassenzimmer reingeschmuggelt werden sollten. In der Entscheidung zu Gunsten der Klagenden schloss der Richter John E. Jones des Bezirksgerichtes fürs Mittlere Bezirk von Pennsylvania, dass ID in den öffentlichen Schulen nicht gelehrt werden sollte. Unter anderem sei das so, weil “ID keine Wissenschaft sei.” Warum? Weil ID “gegen die uralten Grundregeln der Wissenschaft verstößt, in dem es sich auf übernatürliche Kausalität beruft und übernatürliche Kausalität erlaubt.”

Gibt es aber solche “uralte Grundregeln”? Kann die Naturwissenschaft die Möglichkeit der übernatürlichen Kausalität nicht in Erwägung ziehen? Stellt sich heraus, dass die sogenannten “uralte Regeln” schon lange diskreditiert wurde, und das lässt Wissenschaft keine Grundlage fürs Ausschließen der übernatürlichen Kausalität übrig.

Die Entwicklung der “Grundregeln” Wissenschaft

Als der Denker Francis Bacon entwarf, was wir heute die wissenschaftliche Methode nennen, in seinem Novum Organon (1620). Es ist richtig zu sagen, dass er glaubte, dass jegliche prüfbare Hypothese von unseren physikalischen Sinneserfahrungen abgeleitet werden muss. Wir nennen diese Methode Induktion. Man beginnt mit Daten und verallgemeinert eine Hypothese aus den Daten, dann prüft man die Hypothese. Diese Methodologie würde prima facie übernatürliche Kausalität ausschließen.

In den nächsten zwei Jahrhunderten wuchs die Idee, dass Wissenschaft, die sich auf diese Methodologie gründete, die Menschheit von den Entstellungen durch Religion und Aberglaube befreien konnte. Im neunzehnten Jahrhundert nahm diese Idee die Form des Positivismus. Diese Ansicht wurde von einer Gruppe gleichgesinnten Wissenschaftler und Philosophen im frühen zwanzigsten Jahrhundert, dem Wiener Kreis, angenommen. Positivismus basiert auf die Behauptung, nach Bacon, dass die einzige Quelle vom positiven Wissen über der Welt die ist, die wir durch unsere physikalischen Sinneswahrnehmungen erwerben. Von diesem Standpunkt aus gilt keine wissenschaftliche Hypothese, es sei denn, sie wird von Daten gewonnen, die direkt beobachtet, gemessen oder nachgebildet werden können. Diese Ideen wurden durch viel vom neunzehnten Jahrhundert verbreitet und haben an Einfluss gewonnen im frühen zwanzigsten Jahrhundert “eine intellektuelle Hegemonie des Positivismus begann sich an den Universitäten in Amerika zu etablieren”.2

Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde es klar, dass das positivistische Modell gegen Probleme verstoßen hat. Es war philosophisch nicht zu verteidigen und beschrieb nicht genau, wie Wissenschaftler in der Praxis wirklich arbeiten. Wie Philosoph Richard Bernstein in 1976 schrieb: “Es bleibt keine wichtige These, die von den Positivisten im neunzehnten Jahrhundert oder vom Wiener Kreis gefördert wurde, die nicht vernichtend kritisiert wurde, wenn sie nach den eigenen Maßstäben der Positivisten für philosophisches Argument analysiert wurde.”3 In seinem Kommentar zu Berstein Bemerkungen merkt Donald Schon “unter Wissenschaftsphilosophen will keiner sich heute Positivist nennen.”4

Das zugrundeliegende Problem führt auf Bacons Annahme zurück, dass Wissenschaft ausschließlich auf Grund des Induktionsprinzip funktioniert. Die Idee ist, dass eine prüfbare Hypothese von unserer Sinneserfahrung abgeleitet werden muss. Das muß sie aber nicht. Gewiss ist Induktion eine Methode, wie man eine Hypothese formulieren kann. Sie ist aber nicht die einzige. In der Praxis gibt es keine vorgeschriebene Methode, die Wissenschaftler für die Entwicklung von Hypothesen benutzen—sie sind alle Produkte unserer einfallsreichen und ideenreichen Geister.

Die alternative zur Induktion ist die Methode der Deduktion. Hier beginnt man mit einer allgemeinen Hypothese und arbeitet auf die Einzelheiten hin. Philosoph Karl Popper war Kritiker der Induktion und argumentierte “es gibt keine logische Methode, neue Ideen zu kriegen . . . jede Entdeckung hat ein ‘irrationales Element’, oder eine ‘kreative Intuition’” in sich. Er untermauerte sein Argument mit Zitaten von Einstein: “Es gibt keinen logischen Weg . . .die zu diesen Gesetzen führt. Sie können nur durch Intuition erreicht werden, auf Grund von etwas, was einer intellektuellen Liebe für die Objekte der Erfahrung ähnlich ist.”5 Poppers Behauptung ist, dass die Hypothesen, die Wissenschaftler prüfen, keine Produkte einer disziplinierten Methode fürs Organisieren von Daten sind, sondern Produkte vom einfallsreichen menschlichen Geist.

Bertrand Russell brachte den Punkt pointierter zum Ausdruck:

Bacons induktive Methode ist fehlerhaft durch ungenügende Betonung auf Hypothese. Er hoffte, dass die einfache ordnungsgemäße Einordnung der Daten die richtige Hypothese offensichtlich machen, aber das ist selten der Fall . . . bis jetzt wurde keine Methode gefunden, die zu einer Regel der Hypothesenformulierung führen würde.6

Das Wesen der Wissenschaft ist das Prüfen von Hypothesen

Der Wissenschaft ist die Quelle einer Hypothese egal. Sie befasst sich allein mit dem Prüfen von Ideen sobald sie die Form einer Hypothese genommen haben. Die Hypothese wird dann nach den Rigiden Maßstäben der Naturwissenschaft geprüft, um festzustellen, ob es passt mit dem, was wir im umgebenen Universum beobachten. Diese Methode kann nicht immer beweisen, dass eine Hypothese wahr ist—Wissenschaft kann Gott nicht beweisen, zum Beispiel. Durch prüfen können wir aber feststellen, ob eine gewisse Hypothese falsch ist.

Aber alte Ideen sterben langsam. In seinem historischen Rückblick des Positivismus schrieb der verstorbene deutsche Philosoph Oswald Hanfling:

… Auch wenn die Mutterpflanze tot ist, bleiben viele ihrer Samenkörner lebendig und rege in einer Form oder in einer anderen. In einem Interview in 1979 wurde A.J. Ayer, ein leitender Philosoph unserer Zeit, der einst in den 1930er Jahren Verfechter des logischen Positivismus gewesen war, gefragt, was er jetzt für seine Hauptdefekte hielt. Er erwiderte: ‘Ich vermute, das Wichtigste. . . war, dass fast alles dran falsch ist.’ Aber das hat ihn nicht davon abgehalten, kurz danach zu behaupten, dass er immer noch an den “gleichen allgemeinen Ansatz” glaubte.7

Deswegen bleibt Positivismus eine Keule, wenn eine imperfekte, die Verfechter von naturalistischer Evolution benutzen können, um die christlichen Sichten der Schöpfung in Verruf zu bringen.8

Wenn Reasons to Believe sein prüfbares Schöpfungsmodell anbietet, ist die “Prüfung” wissenschaftlich: stimmt das Modell mit dem überein, was wir im Universum sehen? Wenn nicht, kann man sagen, dass das Modell verfälscht wurde. Wenn so, bedeutet das nicht, dass das Modell beweisen (bestätigt) worden ist. Es bedeutet aber, dass es nicht als unvereinbar mit dem, was wir durch legitime Wissenschaft beobachten, verworfen werden kann. Je mehr Prüfungen das Modell besteht, desto mehr kann man sagen, dass es auf solider Wissenschaft gegründet ist.

Wenn Verfechter der naturalistischen Evolution ihr Modell anbieten, arbeiten sie auch in diesem Bereich. Sie stellen eine Hypothese vor und prüfen sie, in dem sie deren Vorhersagen mit dem, was wir im Universum beobachten, vergleichen. Beide Ansätze betreiben grundsolide Wissenschaft, wie wir wollen, dass sie arbeiten sollen—sie soll ein Werkzeug sein, wodurch wir die Wahrheit finden. Wir prüfen insoweit jeden Wahrheitsanspruch gegen Beobachtungen der natürlichen Welt. Selbstverständlich ist der Prozess mit Schwierigkeiten belastet. Wissenschaftsphilosophen debattieren welche ultimativen Wahrheiten man behaupten kann, nachdem die Hypothese formuliert wurde, und welche nicht.9 Der Anfang ist aber immer die Hypothese.

Naturalistische Evolution und die RTB-Schöpfungsmodell sind zwei konkurrierende Hypothesen, die sich in vielen Grundsätzen unterscheiden. Wissenschaft, wenn sie richtig läuft, kann und soll bereit sein, beide Hypothesen gegen unsere Beobachtungen des Universums zu messen. Damit versuchen wir zu verstehen, welches Modell die Gesamtheit der Wirklichkeit besser erklärt. Das RTB-Modell zu verwerfen, weil es übernatürliche Kausalität zulässt, ist zugleich irrational und “unwissenschaftlich”, indem es die möglichen Antworten auf große Fragen ohne wissenschaftliche Rechtfertigung ausschließt. Vielleicht ist es Zeit, die “uralten Grundregeln” der Wissenschaft zu Gunsten einer neuen Grundregel zu verwerfen, und alle Hypothesen prüfen.

Endnoten
  1. Kitzmiller v. Dover Area School District, 400 F. Supp. 2d 707 (M.D. Pa. 2005).
  2. Donald A. Schon, The Reflective Practitioner (New York: Basic Books, 1983), 32–34.
  3. Richard J. Bernstein, The Restructuring of Social and Political Theory (San Diego, CA: Harcourt Brace Jovanovich, 1976), 207, zitiert in Schon, The Reflective Practitioner, 48–49.
  4. Schon, The Reflective Practitioner, 49.
  5. Karl Popper, The Logic of Scientific Discovery (New York: Routledge Classics, 2002, Erstauflage 1935), 8–9.
  6. Bertrand Russell, History of Western Philosophy (London: Routledge Classics, 1996, Erstauflage 1946), 529.
  7. See Oswald Hanfling, Kap 5, in Routledge History of Philosophy, Volume IX: Philosophy of Science, Logic, and Mathematics in the Twentieth Century, Hrsg. Stuart G. Shanker (New York: Routledge, 1996), 193–94.
  8. Der Missbrauch von Positivismus ist nicht ausschliesslich ein Problem für Christen. Vgl. Allen S. Lee, “Positivism: A Discredited Model of Science Still in Use in the Study and Practice of Management,” SSRN (September 1987), doi:10.2139/ssrn.2622718.
  9. Vgl. Kyle Stanford, “Underdetermination of Scientific Theory,” The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2017), Hrsg. Edward N. Zalta, https://plato.stanford.edu/archives/win2017/entries/scientific-underdetermination/.